Arbeitsstelle für praktische Biologie


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Buch: Ankomme 24. Dezember bei Baum und Strauch - Auszug "Eberesche"


11- Die Eberesche

"Ich bin da, wenn Du mich brauchst, mich brauchst..." summt fein der Strauch mit seinen überreifen roten Beeren an den winterlichen Zweigen. "Ja, ich bin wirklich überall da, wo man mich braucht. In Wäldern und Schluchten, in Parks und Gärten, an Wegen und Stegen, in Tälern und Gebirgen. Überall. Ist ja weiters auch nicht erstaunlich, als Baum der Lüfte und des Windes. Nicht wahr?

Ich bin da und stehe zur Verfügung mit meinem Gesundpaket. Mit meinen Blüten- und Beerenrispen. Für Mensch und Tier. Vor allem aber für Vögel. Sie sind auf meine Gaben in den harten Winterzeiten angewiesen. Aber auch der Mensch darf von mir profitieren. Er ist ja in vielen Fällen mein Pate.

Mit ihm zusammen habe ich zudem, als Mittel gegen Skorbut, im Lagerraum so manchen Schiffs die Ozeane überquert.

Blüten gegen Husten und Bronchitis sind bei mir ab Ende Mai zu haben, Beeren gegen Heiserkeit und für Leber, Galle und Niere stehen ab Ende August bis mindestens in den Oktober hinein nach dem Entbittern für allerlei Leckereien zu Diensten: Gelées, Konfitüren, Liköre und Schnäpse können daraus entstehen. Dank der aparten Mischung aus Sorbinsäure, Sorbit, Zucker, Pektin, Vitamin C, Provitamin A, Gerbstoff und Parasorbinsäure.

Am besten munden die Beeren allerdings nach dem ersten Frost, der sie auf natürliche Art und Weise entbittert. Ansonsten sind sie zu trocken, echt sauer und enorm zusammenziehend. Mit Väterchen Frost’s Hilfe schmecken sie dann ganz ohne Zutun. Sänger und Redner wissen dies und halten sich mit getrockneten und gut zerkauten Früchten die Stimmbänder geschmeidig.

Man nennt mich Eberesche, Drosselbeere, Stinkholz oder Vogelbeere. Bei den Germanen war ich dem Luft- und Gewittergott Donar geweiht, nachdem ich ihn aus den Fluten eines reissenden Baches gerettet habe. Ich habe überhaupt eine lebhafte mythologische Vergangenheit: Drachen, Götter, Geister..... Bei den keltischen Druiden diente mein Holz zur Herstellung von Zauberstäben für Rituale und Zeremonien.

Meinen festen Platz habe ich heute in der Baum- und Strauchheilkunde: ich helfe unzufriedenen, in sich gekehrten Menschen, die sich in der Gegenwart nicht mehr zurechtfinden. Ich reinige ihre Seele und mache sie gesund, zäh und lebenstüchtig mit meiner Gegenwart, meinem Holz, meinem Rauch. Ich zeige ihnen, wie wichtig es ist, nicht abzuhängen und am Puls der Zeit dranzubleiben. Ich mache ihnen klar, dass sie nur ein Leben haben und dies schätzen und geniessen sollen."

"Wie willst Du das Christkind erfreuen?" Die Eule stellte ihre übliche Frage.

"Ich schenke ihm ein Glas Vogelbeerengelée, damit es zäh wie ich werde und sich mit seiner Botschaft bei den Menschen durchsetzen möge." Eine klare Frage, eine klare Antwort.

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