Arbeitsstelle für praktische Biologie


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Buch: Ankomme 24. Dezember bei Baum und Strauch - Auszug "Walnuss"


22- Der Walnussbaum

"Meine Beziehung zum Christentum ist eine vielfältige." Der Baum mit der imponierenden breiten, kugeligen Krone meldet sich zu Wort. "Meine Früchte haben die Fantasie der Menschen von alters her beflügelt. Eigentlich sind es ja gar keine Nüsse. Im botanischen Sinn handelt es sich um Steinfrüchte. Die fleischige, saftige Hülle schützt den süssen Kern.

Und hier beginnt die Interpretation. Die alten Christen sahen im Kern Christus, der in der Schale von Marias Schoss gewachsen ist. Viele Dichter und Maler setzten deshalb die Früchte oder den Baum als Ganzes, mit Maria und der Geburt Christi in Beziehung. Augustinus, der Kirchenführer, sah in der äusseren grünen, nach Pfeffer schmeckenden Hülle das bittere Leiden des Herrn. Die harte Schale war das Holz des Kreuzes, das Christus, dem Innersten ein ewiges Leben ermöglicht.

Immer wieder wurde ich, bei den Christen, wie bei den Germanen und Römern, als "Nuss" mit Sinnlichkeit, Fruchtbarkeit, Lust und körperlicher Liebe in Verbindung gebracht." Der Walnussbaum hält inne und blickt bedeutsam zur Hasel hin. "Im Guten wie im Bösen. Was aber allen Kulturen auffiel, das war und ist die Tatsache, dass diese "Nuss" in exakt zwei gleiche Hälften geteilt ist, durch ein holziges Nusskreuzchen aufgegliedert. Das Richterschwert teilt gerecht. Die Waage balanciert die Mitte aus. Das Mass ist gefunden. So bin ich auch heute noch eine wesentliche Hilfe in Zeiten der Entscheidungsunfähigkeit. Ich kläre den Geist und wecke im Menschen die salomonischen Eigenschaften. Gerechtigkeit, Mass, Ausgewogenheit. Im Volksbrauchtum wurden und werden an gewissen Orten heute noch frisch Verheiratete mit Nüssen beworfen, um das Schicksal der Ehe zu befragen. Das Ergebnis dieser Anfrage wird als "gerecht" akzeptiert. Reich und arm, schön und hässlich, jung und alt, jeder hat dabei die gleichen Chancen. Ausgeglichen.

Ich dringe mit meinem Wesen, mit den Wirkstoffen in Schalen, Blättern und Früchten tief in den Menschen und sein Denken ein. Wer sich unter meinen Ästen zum Schlaf begibt, träumt den Schlaf des Gerechten. Wer vorher Verfolgter war, beginnt die Gründe des Verfolgers zu verstehen. Eine objektive, gerechte Einstellung zum Gegner in Form gegenseitiger Achtung macht sich breit. Und mancher möchte am liebsten gar nicht mehr erwachen......

Im Wachzustand aber stärke ich das Gedächtnis. Stimmungsschwankungen gleiche ich aus. Klarheit bringe ich in das Denken der Menschen. Und Willensstärke. Und der Sinn für das Mass der Dinge. Die vertikale Struktur bricht dabei auf, die Verbindung zwischen Himmel und Erde, zwischen dem Göttlichen und Menschlichen wird wiederhergestellt und mischt sich mit der irdischen Horizontalität. Der Grundstein zur Objektivität mit Seele ist gesetzt.

Medizinisch gesehen wird aus meinen Blättern und Schalen alles Mögliche gewonnen. Mittel gegen Diabetes, Rachitis, Rheuma, Entzündungen, Ekzeme, Krampfadern, Karies, Magen- und Darmstörungen, Würmer und Haarausfall werden daraus gemacht, Insektenschutzmittel hergestellt. Präparate für die Stärkung des Herzens, zur Beruhigung, Blutreinigung und Entschlackung werden gemischt und Pafums komponiert. Die Früchte mit ihren hochungesättigten Fettsäuren dienen dem Menschen zur geregelten Funktion der Gehirntätigkeit.

Mein Holz ist sehr wertvoll. Gerade recht für die Arbeit von Künstlern, wie Bildhauer, Schnitzer oder Möbelbauer. Es gibt keine Schwielen beim Bearbeiten."

"Und wie steht es mit Deiner Gabe?" Die Frage der Eule ist unausweichlich.

"Ich übergebe dem Herrn der Welten Walnussplätzchen, oder wie wir hier sagen, Baumnussguetzli. Sie sollen sein Denken klar wie Quellwasser halten und seine Entscheidungen für die Menschen einsichtig und verständlich, da gerecht, machen." Damit schloss der Walnussbaum sein Plädoyer – mit einem Blick zur Birke.

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