Arbeitsstelle für praktische Biologie


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Buch: Ankomme 24. Dezember bei Baum und Strauch - Auszug "Kirsche"


3- Die Kirsche

"Wer kennt es nicht, das Kinderlied

Chumm, mer wie ga Chrieseli günne,
weiss amen Ort gar grüseli viil,
roti, schwarzi, gibeligääli -
zwei bis drü an einem Stil ?

Oh ja, ich glaube, dass ich, die Kirsche, nicht nur die richtige Betreuung für das Christkind, sondern auch noch die geeignete Kameradin bin. Ich spüre es förmlich: hier sind Jugendlichkeit, Aufmunterung und Unschuld angesagt. Erinnert Euch! Welcher Baum ist Symbol der Reinheit und der göttlichen Süsse? Wer ist Ausdruck der Jugendlichkeit, der Fruchtbarkeit, der Geburt und der Freude? Ja, meine Frische und Unverbrauchtheit wirken ansteckend. Traurigen Menschen bringe ich die Fröhlichkeit und den Lebensmut wieder zurück. Ich helfe ihnen, den Frühling in ihrem Leben wieder zu finden. Ich erfrische Geist und Seele - ich bin der Muntermacher unter Euch allen. Ich stärke Herz und Blutkreislauf. Ich mache aus alt jung. Sogar die kostbaren Möbelstücke, die Instrumente und Schnitzereien aus meinem harten Holz strahlen eine Lebendigkeit und Frische aus, die ansteckend wirkt. Selbst meine Rinde gibt Lebenskraft: Wolle und Seide leuchten in meinem Beisein in mannigfaltigen Farben. Und...."

"Gut! Unverbrauchtheit und Lebensfreude sind wahre Werte", unterbricht sie die Eule. "Aber genügen sie für die verantwortungsvolle Aufgabe, die wir zu übernehmen haben?"

"Aber ja. Doch." Die Kirsche wird ganz zappelig. "Ich bringe auch Glück. Morgen ist Barbaratag. Dann schneidet man Zweige von meinen Ästen und stellt sie ins Wasser. Blüht der Zweig an Weihnachten, dann wird das kommende Jahr mit Glück gesegnet sein. Und Glück braucht das Christkind in unserer Zeit...."

"Ja, sicher. - Aber das ist doch Aberglaube!", empört sich die Eule.

"Ok. -Ok! Schon meine Vorrednerin hat den Glauben an das Gelingen als unabdingabre Vorrausetzung für die Tat geschildert. Aber wenn Du Fakten willst!"

Die Kirsche scheint sich zu beruhigen und froh zu sein, das Gespräch auf eine objektive Ebene bringen zu können.

"Also, dort, wo ich blühe, ist es warm und sonnig. Meine Blüten künden vom Erwachen der Natur. Meine Früchte schmecken jedermann seit der Jungsteinzeit. Schon die Griechen und Römer fanden meine Anwesenheit so wertvoll, dass sie mich durch die ganze Welt trugen. Das verdauungsfördernde, magenstärkende Kirschwasser ist bestens bekannt. Mein Blut, das Katzengold, wirkt gegen Husten, wie meine Blätter und die Rinde.

Ich bin ein Kind des Mondes. Damit gehört mir der Montag und mit ihm alles Silber dieser Welt. Weiss ist meine Farbe und damit sind es die Pastelltöne auch. Ja, ich bin ein Kind des Mondes. Und deshalb der tatkräftige Schutz der Nacht." Stolz über die eigenen Worte blickt die Kirsche in das weit offene Auge der Eule.

"Und was gibst Du dem Christkind?"

"Ich stelle morgen meinen schönsten Zweig in warmes Wasser. Und ihr werdet sehen, wie die Augen des Christkinds über die Blütenpracht an Weihnachten strahlen werden!"

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